Buchauszüge aus "Um der Kinder willen"

(Deutsche Übersetzung von "For the Children's Sake" Susan Schaeffer Macauley, erhältlich bei uns /CHF 24.--, zzgl. Versandkosten)

aus Kapitel 4 Eine neue Perspektive     

 

S. 81

Charlotte Mason erzählt: "Ich hatte damals gerade zu unterrichten angefangen, war jung und für meine Arbeit begeistert. Lehrerin zu sein war einfach grossartig. Es erschien mir unmöglich, dass eine Lehrkraft die Kinder nicht prägen sollte. Damit war aber auch Ihr die Schuld zuzuschieben, wenn etwas falsch laufen sollte oder wenn sich ein Kind in der Schule oder ausserhalb schlecht benahm. Doch jedes Mass an Verantwortung schien meinem Eifer gewachsen zu sein. Trotz dieses Eifers erlebte ich die Enttäuschung, dass sich nichts Aussergewöhnliches ereignete. Die Kinder waren im grossen Ganzen angenehm, weil sie Eltern hatten, die selber mit Sorgfalt erzogen worden waren. Aber es wurde mir bald klar, dass die Kinder  sich einfach ihrer Natur gemäss benahmen. Die Fehler, die sie hatten, ihre schlechten Seiten behielten sie; die guten Seiten, wurden genauso zufällig und sporadisch gefördert wie vorher. Das ruhige, sanfte Mädchen flunkerte weiter. Das aufgeweckte, grossmütige Kind war unverbesserlich untätig. Während jeder Stunde spielte sich in dieser Hinsicht das Gleiche ab. Das trödelnde Kind trödelte weiter, das träge Kind wurde nicht lebhafter. Das war sehr enttäuschend, obwohl sich die Kinder zweifellos ein wenig entwickelten. Jedes von ihnen hätte doch eigentlich die Anlagen eines noblen Charakters, eines grossartigen Geistes! Doch wo war nur der Hebel, um jede dieser kleinen Welten anzuheben? Es müsste diesen doch geben! Könnten wir vielleicht im Unterricht ansetzen? Diese Tretmühle von Geographie und Französisch, Geschichte und Rechnen ist doch auch irgendwie ein «Erziehung und Bildung spielen»! Wer erinnert sich nicht an die Bildungskrümmel, mit denen er sich als Kind abmühen musste? Würden nicht einige Stunden, in denen man sich im späteren Leben mit dem Lernstoff beschäftigt nicht mehr bewirken, als sich als Kind ein Jahr lang damit abzumühen? Wenn Erziehung den schrittweisen Fortschritt eines Einzelnen und des Volkes bezwecken soll, müsste sie mehr bieten können, als die tägliche Plackerei mit Kleinigkeiten!

 ..Ich begann, mich in der Erziehungsliteratur umzusehen. Ich lernte vieles aus den verschiedenen Quellen, aber es gelang mir nicht, einen gewichtigen Leitfaden zu finden. Ich suchte einen, der die Natur des Kindes mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten berücksichtigt und gleichzeitig einen Erziehungsrahmen anbietet. Ich sah, wie religiöse Belehrung den Kindern half, ihnen Kraft und Beweggründe zu unaufhörlicher Anstrengung zu geben und ihre Begehren auf die erstrebenswerten Dinge richtete. Ich sah, wie das Gesetz vom Bösen abhält und wie Liebe zum Guten steuert. Jedoch trotz dieser Hilfe von aussen und oben hatte ich immer noch das niederdrückende Gefühl, mich in meiner Suche im Dunkeln zu bewegen. Der von der Jugend in sittlichem und intellektuellem Können gemachte Fortschritt glich einer Tür in ihren Angeln, die heute vorwärts, und morgen wieder zurückschwingt. Es gab wenig erkennbare Fortschritte, ausser dass die Kinder jedes Jahr schwierigere Rechenaufgaben lösen und schwierigere Bücher lesen konnten. 

Nachdenken zeigte mir einen der Gründe des Misslingens auf: Im Herzen eines jeden Kindes lodert eine warme Glut für das Gute, aber leider waren die meisten Kinder zu ständiger Anstrengung unfähig, weil sie keine Willenskraft besassen, keine Kraft, sich selbst dazu zu bringen, das zu tun, von dem sie wussten, dass sie es tun sollten. Hier sollten Eltern und Lehrer zweifellos eingreifen; sie sollten das Kind darin unterstützen können, das zu tun, wozu es von sich aus nicht die Kraft hat. Es wäre aber  eine armselige Erziehung, die das Kind nur durch den Einfluss einer Person in Abhängigkeit hielte. Denn es ist Sache der Erziehung, Mittel und Wege zur Abhilfe dieser Willensschwäche zu finden, unter dessen Übel Kinder wie auch die meisten Erwachsenen leiden (Home Education S. 98-100)." 

 

S. 109

Lasst die Kinder an das Beste des Lebens ran“, ist Charlotte Masons Forderung an uns. Die Kinder sollen mit dem Besten, welches die Menschen in Kunst, Literatur, Musik und vielen anderen Gebieten geschaffen haben, konfrontiert werden.

..."füttert" die Kinder mit dem Guten, Ausgezeichneten, Grossartigen! Steht ihnen nicht mit kleinen Vorträgen, Fakten und «geführten Rundgängen» im Weg. Nehmen Sie also ihr Vorschulkind auf den Schoss und betrachten Sie miteinander zum Beispiel eine ganzseitige, farbige Reproduktion eines Gemäldes, eine Zeichnung oder eine Radierung. Freuen Sie sich darüber, reden Sie miteinander und achten Sie auf die Details, auf die das Kind zeigt. Lassen Sie das Kind schauen, lassen Sie es darauf reagieren und geniessen Sie dies miteinander!

Oder besorgen Sie sich CDs von Brahms, Beethoven, Elgar und Mendelssohn. Spielen Sie dem Dreijährigen ein Stück ab, vielleicht wird er tanzen, klatschen und lachen. Lassen Sie ihn auch trommeln und marschieren. Es gibt keinen Grund, mit musikalisch dürftigen Stücken zu starten. Geben Sie Kindern das Beste! Lassen Sie einige Werke zu Freunden werden. Später besorgen Sie sich gute Plätze in einem Konzert. Sitzen Sie sich ganz nahe zu Ihrem Kind und verfolgen Sie, wie es sich wundert, wenn der Geiger zu spielen beginnt, wie der Dirigent leitet und wie der Chor singt. Ist dem Kind ein Stück des Programms schon bekannt, werden Sie wahrscheinlich die Aufregung spüren und hören: «Hör, sie spielen unsere Musik!»

Eine L’Abri-Studentin, die das Manuskript dieses Buches gelesen hatte, kehrte nach Texas in die öffentliche Schule zurück, entschlossen, einige von Charlotte Masons Ideen mit ihren Zweit- und Drittklässlern umzusetzen. Sie begann in der Pause regelmässig einige sorgfältig ausgewählte CDs abzuspielen. Bald waren die Kinder begierig auf Vivaldi, Beethoven, Brahms. Sie waren sich sicherlich nicht bewusst, dass sie dabei etwas lernten. Etwas Neues, ein Reichtum wurde ihnen gegeben und sie genossen dies ungemein!

Teilen Sie gute Bücher mit Kindern. Sie sind eine wundersame Verbindungstüre für Kinder zu einigen der interessantesten und kreativsten Menschen, die je in unserer Kultur gelebt haben. Lasst die Kinder durch das Lesen der Bücher die Gedanken und den Schreibstil der Autoren kennen lernen. Miss Mason schaute nie von oben auf Kinder herab. Sie traute Kindern zu, dass sie fähig sind, mittels ihres wachen Geistes auf gutes Unterrichtsmaterial selbst zu reagieren, zu entdecken und zu denken. Ihr Anliegen war es stets, sicherzustellen, dass Kinder Zugriff zu "lebendigen" (lehrreichen, interessant und hervorragend geschrieben) Büchern hatten. Solche "Living books" enthalten "Ideen", die das Innere einer Person berühren; ja für ein Thema "entflammen". So lösen die Ideen im Lernstoff Diskussionen, Interesse und Beteiligung aus. Nachhaltiges Lernen geschieht!